Eine überraschend skurrile Reise durch das Leben von Rocco Siffredi

Rocco Siffredi auf der VENUS messe in Berlin

Im Meer der Netflix-Neuerscheinungen sticht eine Serie hervor, die sich von dem üblichen Biopic-Ansatz abzuwenden scheint: „Supersex“. Inspiriert von der schillernden Karriere des Pornostars Rocco Siffredi, entscheidet sich die Serie dafür, eher eine fiktive als eine faktentreue Erzählung zu sein. Dies könnte auf den ersten Blick enttäuschen, aber die Serie nutzt ihre kreative Freiheit, um tief in Themen wie Maskulinität und die Schattenseiten des Pornogeschäfts einzutauchen. Trotz des leicht spöttischen Tons, den der Titel suggerieren mag, birgt die Serie tiefere Einsichten in die menschliche Natur.

Rocco Siffredi, gespielt von Alessandro Borghi, ist in der Darstellung weit entfernt von einem eindimensionalen Pornostar. Borghi bringt eine verletzliche, komplexe Figur auf den Bildschirm, deren Weg zur Selbsterkenntnis steinig ist. Borghis Charakterisierung erweckt Siffredi zum Leben, wobei er dessen Erfolge und Niederlagen gleichermaßen erkundet. Es sei daran erinnert, dass Siffredi im Jahr 2003 als bester europäischer Schauspieler mit dem VENUS Award ausgezeichnet wurde, eine Anerkennung, die seine Stellung in der Industrie zementierte.

Die Serie beginnt wie ein Superheldencomic, wobei das „Supersex“-Magazin dem jungen Rocco – damals noch Rocco Tano – in einer entscheidenden Phase seines Lebens begegnet. Es ist eine originelle Herangehensweise, die zeigt, wie prägend frühe Erfahrungen sein können und wie sie uns auf Pfade führen, die wir nie erwartet hätten. In Ortona, einem kleinen italienischen Dorf, beginnt Roccos Reise, doch es ist nicht der Glanz der Pornowelt, der hier den Kern darstellt, sondern viel mehr die Dynamik einer komplizierten Familienstruktur und die Herausforderungen eines jungen Mannes, der seinen Platz in der Welt sucht.

Ein weiteres interessantes Element ist das der Männlichkeit. „Supersex“ unterzieht männliche Stereotype einer kritischen Prüfung, angefangen bei Roccos älterem Halbbruder Tommaso bis hin zur Interaktion mit seiner Mutter Carmela. Die Serie schreckt nicht davor zurück, toxische Männlichkeit und internalisierte Homophobie zu thematisieren, auch wenn diese ernsten Themen manchmal durch die stilisierte, übertriebene Erzählweise in den Hintergrund treten.

Was die Serie besonders macht, ist ihre Fähigkeit, inmitten von Exzessen und Vulgaritäten Momente von Tiefe und Sensibilität einzufangen. Darin liegt die Kunst des Storytellings, wie sie „Supersex“ praktiziert: Es gelingt ihr, eine Balance zwischen dem Ausgelassenen und dem Ernsthaften zu halten.

Beobachter der Serie – und insbesondere jene, die eine genaue Biografie Siffredis erwarten – werden vielleicht überrascht sein, wie frei die Serie mit dem realen Leben des Pornostars umgeht. Doch genau diese Freiheit erlaubt es „Supersex“, Themen anzusprechen, die über Siffredis Karriere hinausgehen. Es ist eine Einladung, hinter die Kulissen einer Industrie und einer Persönlichkeit zu blicken, die von vielen Missverständnissen umgeben ist.

Während die ersten drei Episoden einige vielversprechende Ansätze zeigen, bleibt abzuwarten, wie sich die Serie weiterentwickelt. Mit seiner wunderschönen Kameraführung, dem perfekt abgestimmten Soundtrack und einer brillanten Hauptdarstellung durch Borghi ist „Supersex“ mehr als nur eine Erzählung über das Leben eines Pornostars. Es ist eine Untersuchung der menschlichen Natur selbst, eingebettet in die bunte, komplizierte Welt von Rocco Siffredi.

„Supersex“ feierte seine Weltpremiere auf dem Berliner Filmfestival 2024 und ist ab dem 6. März 2024 auf Netflix verfügbar. Ein Muss für alle, die tiefgründige Geschichten mit einer Prise Ironie zu schätzen wissen.

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