
In diesen kalten Januartagen sitzt der Berliner Südwesten weiter im Dunkeln. Seit dem Brandanschlag auf die Kabelbrücke über den Teltowkanal sind Zehlendorf, Lichterfelde, Nikolassee und Wannsee von der Stromversorgung abgeschnitten – rund 45.000 Haushalte, über 2.000 Unternehmen. Heizungen bleiben kalt, Keller laufen voll, und viele Menschen greifen zu Kerzen, Powerbanks und der Solidarität ihrer Nachbarn. Unsere Gedanken sind bei den besonders Betroffenen: Älteren, Familien mit Kindern, Pflegebedürftigen – all jenen, die in der Kälte um ihre Gesundheit bangen. Die Reparaturen laufen, doch bis alles wieder hell ist, wird es noch dauern.
Trotzdem macht gerade eine alte Geschichte die Runde – eine, die ein Schmunzeln auf die Lippen zaubert. Auf Soziale Medien liest man Sätze wie: „Kerzen an, Netflix aus – da bleibt nur eine Art der Unterhaltung übrig.“ Oder: „Blackout in Zehlendorf: Romantik zwangsläufig inklusive.“ Typisch berlinisch: Man jammert nicht nur, man macht Witze.
Die Idee ist nicht neu. Sie reicht zurück bis zum großen Northeast Blackout 1965 in New York, als 30 Millionen Menschen plötzlich im Dunkeln saßen. Neun Monate später titelte die New York Times, einzelne Kliniken meldeten mehr Geburten – die Legende vom Blackout-Babyboom war geboren. Der Disco-Hit der Trammps fragte 1977: „Where were you when the lights went out in New York City?“ Doch Demografen wie J. Richard Udry prüften die Zahlen genau: kein statistisch messbarer Anstieg, nur normale Schwankungen. Ähnlich 1977 in New York, beim Münsterländer Schneechaos 2005 oder bei anderen Ausfällen in Hannover, Bayern, ja selbst beim europäischen Blackout 2006 – überall die gleiche Anekdote, überall die gleiche Ernüchterung: kein Boom.
Nur in Ländern mit längeren Ausfällen und eingeschränktem Zugang zu Verhütungsmitteln, etwa auf Sansibar 2008 oder in Kolumbien 1992, ließ sich ein echter Anstieg nachweisen. Bei uns? Fehlanzeige. Die Statistik lacht leise über unsere Fantasie.
Genau das macht die Geschichte so liebenswert. Sie zeigt, wie sehr wir uns wünschen, dass aus der Not etwas Schönes entsteht. Ein Blackout zwingt zur Entschleunigung: kein Scrollen, kein Serienmarathon – nur Kerzenflackern, Decken und der Mensch neben einem. Paare reden wieder richtig miteinander, teilen Wärme, entdecken Berührungen neu. Es braucht keinen Strom für gute Intimität – nur Aufmerksamkeit, ein bisschen Humor und vielleicht das eine oder andere analoge Hilfsmittel, das auch ohne Akku Freude bereitet.
Berlin wird bald wieder hell sein. Bis dahin bleibt die Stadt ein wenig langsamer, ein wenig näher beieinander. Und wir lächeln über die alte Legende: Nein, es wird keinen Babyboom geben. Aber vielleicht ein paar besonders schöne Erinnerungen an Nächte, in denen das Licht aus war – und alles andere plötzlich anging.