
Washington/London. – Andrew Tate und sein Bruder Tristan sind in den USA festgenommen worden, nachdem die britische Anklagebehörde Crown Prosecution Service (CPS) 38 weitere Anklagepunkte gegen die beiden zugelassen hatte. Damit steigt die Gesamtzahl der Vorwürfe auf 59. Der US Marshals Service bestätigte die Festnahme; ein Sprecher des US-Justizministeriums erklärte, sie sei im Rahmen eines Auslieferungsverfahrens erfolgt. Als britisch-amerikanischen Doppelstaatsbürgern steht den Brüdern nun ein juristisches Ringen um eine mögliche Überstellung nach Großbritannien bevor.
Die neuen Vorwürfe
Nach Angaben der CPS wird Andrew Tate (39) in sieben weiteren Fällen Vergewaltigung zur Last gelegt, hinzu kommen Vorwürfe im Zusammenhang mit Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung sowie mit Missbrauchsdarstellungen eines Kindes („indecent images of a child“). Tristan Tate (37) muss sich wegen zwei weiterer Vergewaltigungsvorwürfe sowie in drei Fällen wegen der Organisation beziehungsweise Ermöglichung von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung verantworten. Insgesamt stehen damit 42 Anklagepunkte gegen Andrew und 17 gegen Tristan Tate im Raum.
Die mutmaßlichen Taten sollen sich zwischen Juli 2010 und August 2017 ereignet haben; die Zahl der mutmaßlichen Opfer beziffert die Anklagebehörde mittlerweile auf sieben. Malcolm McHaffie, Leiter der Abteilung für besondere Strafsachen bei der CPS, erklärte, den jüngsten Entscheidungen sei eine weitere Beweisakte der Polizei von Bedfordshire vorausgegangen. Diese ermittelt gemeinsam mit der Polizei von Hertfordshire und spricht von einem komplexen Verfahren.
Ein Punkt, der aus Sicht dieser Redaktion nicht deutlich genug betont werden kann: Bei sämtlichen Punkten handelt es sich um Anschuldigungen. Keiner der Brüder musste sich bislang vor Gericht verantworten, beide weisen alle Vorwürfe zurück – bis zu einer etwaigen rechtskräftigen Verurteilung gilt die Unschuldsvermutung.
Die Webcam-Jahre
Lange bevor Andrew Tate zu einer der umstrittensten Figuren des Internets wurde, verdienten die Brüder ihr Geld im Camming. Ihr erstes Studio betrieben sie im englischen Luton – ohne eigene Marke nach außen; die beteiligten Models streamten schlicht über etablierte Cam-Plattformen von Drittanbietern.
Mit dem Umzug nach Rumänien folgte die unternehmerische Struktur. 2017 gründeten die Brüder die Talisman Enterprises SRL, eingetragen für Webportal-Aktivitäten und Trägergesellschaft des Videochat-Geschäfts. Laut Handelsregister hielt Tristan 95 Prozent der Anteile, Andrew die übrigen fünf – „Talisman“ ist zugleich Tristans langjähriger Spitzname in den sozialen Medien. Im März 2021 kam eine zweite Gesellschaft hinzu: die Emory Andrew Tate and Sons SRL mit Sitz in Voluntari im Kreis Ilfov, registriert für dieselbe Geschäftstätigkeit und benannt nach dem Vater der Brüder, dem Schachmeister Emory Tate.
Beide Unternehmen wurden von der auf organisierte Kriminalität spezialisierten rumänischen Staatsanwaltschaft DIICOT mit einer Vermögensbeschlagnahme belegt, nachdem die Brüder Ende 2022 in Rumänien im Zuge von Ermittlungen wegen Menschenhandels festgenommen worden waren. Seither leben die beiden in Rumänien, wo die Ermittlungen andauern.
Für die Leserinnen und Leser dieser Branche ist eine Unterscheidung wichtig: Webcam-Arbeit ist ein legales Geschäft. Aus den bislang veröffentlichten Anklagemitteilungen geht nicht hervor, ob und wie die britischen Vorwürfe mit den Cam-Unternehmungen der Brüder zusammenhängen. Aktenkundig ist allein die zeitliche Dimension: Der mutmaßliche Tatzeitraum von 2010 bis 2017 überschneidet sich mit den Jahren, in denen das Geschäft in Luton lief – und die rumänischen Ermittlungen betreffen unmittelbar die beiden Gesellschaften, über die das Videochat-Geschäft abgewickelt wurde.
Stand der Verfahren
2024 erwirkte die Polizei von Bedfordshire Europäische Haftbefehle, um die Brüder aus Rumänien zurückzuholen. Im Juni scheiterten die beiden zudem mit dem Versuch, gerichtlich die Namen der Personen zu erfahren, die in Großbritannien Vorwürfe gegen sie erheben – die CPS hatte argumentiert, die Identität der mutmaßlichen Opfer müsse bis zum formellen Beginn des Verfahrens geschützt bleiben. Mit den Festnahmen in den USA soll nun nach Angaben der Anklagebehörde das Auslieferungsverfahren anlaufen.
Die Verteidigung hält dagegen
Die Reaktion aus dem Lager der Tates ließ nicht auf sich warten. Joseph McBride, ein Anwalt der Brüder, beteuerte deren Unschuld und bezeichnete die neuen Anklagepunkte als „politisch motivierten Angriff“. Sie seien erhoben worden, um eine von den Brüdern in den USA eingereichte Verleumdungsklage zu kontern. McBride zeigte sich überzeugt, dass beide freikommen würden, sobald ein Gericht die Fakten prüfe, und wies den Gedanken zurück, die US-Behörden würden im Auftrag Londons handeln.
Auch Andrew Tate selbst hat seine Sicht der Dinge ausführlich öffentlich gemacht. In einem über dreistündigen Gespräch im Jack-Neel-Podcast argumentierte er, die Verfahren in Rumänien und Großbritannien seien politisch motiviert; Regierungen, Medien und Nichtregierungsorganisationen hätten sich koordiniert, um ihn wegen seiner Reichweite zum Schweigen zu bringen; Teile der rumänischen und der britischen Justiz seien korrupt. Er schilderte seine Festnahme und Haft in Rumänien, hält die Beweislage gegen sich nach eigenen Worten für unzureichend und rahmte seine Erfahrungen mit Themen wie Widerstandskraft, Männlichkeit, Familie und Vermächtnis. Dabei handelt es sich um seine persönlichen Behauptungen und Anschuldigungen: Sie sind umstritten, von keinem Gericht bestätigt, und mehrere der von ihm angesprochenen Verfahren laufen noch.
Die Gegenseite
Anwälte mutmaßlicher Opfer bewerten die Entwicklung völlig anders. Matt Jury, der mehrere britische Frauen vertritt, die Andrew Tate beschuldigen, begrüßte die Anklageentscheidung. Er verwies auf die Schwere der Vorwürfe – darunter mehrfache Vergewaltigung und Menschenhandel – und forderte, die Brüder müssten sich dafür nun vor Gericht verantworten.
Wie es weitergeht
Das nächste juristische Kapitel wird vor US-Gerichten geschrieben: Im Auslieferungsverfahren entscheidet sich, ob die Brüder nach Großbritannien überstellt werden. Bis dahin bleiben die harten Fakten des Falls prozessualer Natur: 59 Anklagepunkte, sieben mutmaßliche Opfer, zwei Beschuldigte, die jeden einzelnen Vorwurf bestreiten – und eine Unschuldsvermutung, die gilt, solange kein Gericht etwas anderes entscheidet.
Hinweis der Redaktion: Bei allen in diesem Beitrag beschriebenen Vorwürfen handelt es sich um Anschuldigungen. Andrew und Tristan Tate bestreiten jedes Fehlverhalten und sind in keinem der genannten Punkte verurteilt. Der Artikel beruht auf Anklagemitteilungen und öffentlichen Stellungnahmen der Beteiligten und wird bei neuen Entwicklungen aktualisiert.
Update – 7. August 2026
Andrew und Tristan Tate befinden sich weiterhin in bundesstaatlicher Haft in Florida, während das Auslieferungsverfahren an das Vereinigte Königreich läuft.
Eine US-Bundesrichterin hat eine Anhörung zur Fortdauer der Haft für den 13. August 2026 angesetzt. Dabei soll entschieden werden, ob die Brüder während des laufenden Verfahrens auf Kaution freigelassen werden können. Das gesamte Auslieferungsverfahren wird voraussichtlich mehrere Monate dauern. Die britischen Behörden haben bis Mitte September 2026 Zeit, den vollständigen Auslieferungsantrag an das US-Außenministerium zu übermitteln.
Die Brüder sehen sich im Vereinigten Königreich insgesamt 59 Anklagen gegenüber. Dazu gehören mehrere Fälle von Vergewaltigung, sexueller Nötigung, Beihilfe zum Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung, Körperverletzung sowie Straftaten im Zusammenhang mit kinderpornografischen und extrem pornografischen Abbildungen. Die jüngsten Anklagen, die im Juli bekannt gegeben wurden, betreffen vier weitere mutmaßliche Opfer und den Zeitraum von 2010 bis 2017.
Am 5. August 2026 begrüßte die UN-Sonderberichterstatterin für Gewalt gegen Frauen und Mädchen, Reem Alsalem, die laufenden Auslieferungsverfahren in den USA. Sie bezeichnete sie als „einen wichtigen Schritt, um sicherzustellen, dass die Brüder zur Rechenschaft gezogen werden“. Sie forderte die Regierungen der USA, des Vereinigten Königreichs und Rumäniens auf, für Gerechtigkeit zu sorgen.
Die Tate-Brüder bestreiten weiterhin alle Vorwürfe. Ihre Anwälte halten die Anklagen für politisch motiviert und kämpfen aktiv gegen die Auslieferung. Das Weiße Haus hat erklärt, dass es nicht in das Verfahren eingreifen werde.
Parallele Strafverfahren gegen die Brüder in Rumänien sind weiterhin anhängig.
